Rezensionen
18. Mai 2026

Morgen, Morgen und wieder Morgen - Gabrielle Zevin

Morgen, morgen und wieder morgen ist ein bewegender Roman über Freundschaft, Kreativität und die zerbrechliche Balance zwischen Nähe und Distanz. Im Mittelpunkt stehen Sam und Sadie, die sich als Kinder im Krankenhaus kennenlernen und durch ihre gemeinsame Leidenschaft für Videospiele miteinander verbunden bleiben. Jahre später begegnen sie sich erneut, nun als junge Erwachsene, und gründen ein Entwicklerstudio, das bald große Erfolge feiert. Doch mit den Erfolgen wachsen auch die Spannungen – zwischen künstlerischem Anspruch, persönlichem Schmerz und den unausgesprochenen Sehnsüchten ihrer Beziehung.

Gabrielle Zevin gelingt es, die Welt der Videospielentwicklung eindrucksvoll mit existenziellen Fragen nach Identität, Liebe und Verlust zu verknüpfen. Sam, geprägt von einer Kindheit voller Verletzungen und körperlicher Einschränkungen, und Sadie, die zwischen Autonomie und Zuneigung schwankt, sind Figuren voller Ecken und Kanten, deren Lebendigkeit den Roman trägt. Ergänzt wird ihr Duo durch Marx, Sams Mitbewohner, der mit Wärme und Leichtigkeit zwischen ihnen vermittelt und das Dreieck ihrer Freundschaft zu etwas Besonderem macht.

Besonders stark ist Zevins Sprache, die leise und unaufdringlich bleibt, zugleich aber eine große emotionale Wucht entfaltet. Sie erzählt von Menschen, die keine Helden sind, die keine Welt retten müssen, sondern schlicht versuchen, ihren eigenen Platz zu finden – in der Liebe, in der Kunst, im Leben. Die Passagen über die Entstehung der gemeinsamen Spiele wirken dabei nie technisch oder trocken, sondern sind durchzogen von Fragen nach Kreativität, Vergänglichkeit und der Möglichkeit, durch Kunst Welten zu erschaffen, die trösten können.

Darüber hinaus zeichnet der Roman ein sehr treffendes Bild der US-amerikanischen Gesellschaft der 2000er-Jahre, mit all ihren sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Brüchen. Zwar zieht sich die Geschichte an manchen Stellen und hätte aus meiner Sicht etwas Straffung vertragen können, doch gerade in ihrer Weite entfaltet sie auch eine große Wirkung. Sie zeigt die Erfolge und Misserfolge im Leben, die Zufälligkeiten, die alles verändern können, und vor allem, wie stark sich Verbundenheit über ein ganzes Leben entwickeln kann.

Ein Werk, das zeigt, wie tief Freundschaft gehen kann, ohne jemals einfach zu sein.

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