18. Mai 2026
Öffnet sich der Himmel - Seán Hewitt
Öffnet sich der Himmel ist ein leiser, zugleich intensiver Roman, der die Sehnsucht des Jugendlichen James nach Liebe, Freiheit und Selbstbestimmung eindringlich einfängt. Im Mittelpunkt steht James, der im ländlichen Thornmere feststeckt, gefangen zwischen der Verantwortung für seinen kranken Bruder und der Enge einer Welt, in der er seinen Platz sucht und die aktuell für ihn kein Zuhause ist. Als er dem rebellischen Luke begegnet, verändert sich sein Leben für ein Jahr – ein Jahr voller Sehnsucht, Unsicherheit und der alles verzehrenden Frage, wie weit man für die Möglichkeit der Liebe gehen würde.
James hat sich vor als schwul geoutet und erfährt dadurch Ausgrenzung und Einsamkeit. Er fühlt sich nicht zugehörig, weder im Kreis seiner Mitschüler noch in seiner Familie. Während in vielen queeren Romanen das Outing selbst im Zentrum steht, setzt Seán Hewitt genau danach an: Er zeigt in realistischer Weise, wie sich das Leben und die Gefühle Jugendlicher nach ihrem Outing im ländlichen Raum gestalten – zwischen Isolation, Hoffnung und dem verzweifelten Wunsch nach Nähe.
Seán Hewitts poetische Sprache trägt die Geschichte und verleiht ihr eine dichte, beinahe berauschende Atmosphäre. Kein Zufall, schließlich wurde Hewitt zunächst durch seine Gedichtbände bekannt und wird deshalb oft mit Ocean Vuong verglichen. Zwischen Naturbildern, Melancholie und Hoffnung gelingt es ihm, die Verletzlichkeit, das Begehren und die innere Zerrissenheit seiner Figuren spürbar zu machen. Besonders eindrucksvoll ist, wie er die Stille des Dorflebens und die Intensität jugendlicher Gefühle ineinanderfließen lässt.
Der Roman ist eine berührende Hymne auf das jugendliche Verlangen und die Überwältigung, die es bedeutet, zum ersten Mal zu lieben. Ein melancholisches, poetisches Buch, das nachklingt, lange nachdem man es aus der Hand gelegt hat – und für mich ein ganz persönliches Highlight war, es während meines Dublin-Urlaubs zu lesen.

